Fast die Hälfte der über 50 Millionen Menschen, die sich auf der Flucht befinden, sind jünger als 18 Jahre. Es kommt vor, dass Kinder auf der Flucht von ihren Eltern getrennt werden. Andere machen sich schon alleine auf den Weg, weil sie ihre Familien bereits in Kriegswirren verloren haben. Wieder andere brechen auf in der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben ohne Hunger und Gewalt. Diese Kinder und Jugendliche sind besonders schutzbedürftig.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben nach internationalen Konventionen und nationalen Regelungen Anspruch auf besonderen Schutz. Deshalb werden sie nach ihrer Ankunft so schnell wie möglich in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht.

Wir nehmen die Jugendlichen in Obhut, bis festgelegt wird, wie ihr weiterer Weg sein wird. Gleichzeitig bieten wir Plätze in unseren Wohngruppen an für Jugendliche, die in Karlsruhe bleiben werden. Wir ermöglichen ihnen den Schulbesuch und erschließen Spiel- und Freizeitmöglichkeiten zusammen mit vielen Kooperationspartnern in der Stadt. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass die Jugendlichen in unserer Gesellschaft ankommen und ein anerkannter Teil von ihr werden.

Nachmittag in Durlach

Nachmittag in Durlach

 

Kochen verbindet

Kochen verbindet

Erstinobhutnahme bei ITL Vielfalt gGmbH

ITL Vielfalt ist verantwortlich für eine sogenannte Erstinobhutnahmeeinrichtung mit 12 Plätzen für männliche Jugendliche. Dort bleiben die jungen Flüchtlinge ca. 4 Wochen, nachdem sie in der LEA altersgeschätzt wurden. In diesen 4 Wochen versuchen wir ihnen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Neben den Arztterminen zur Erstuntersuchung und dringenden ärztlichen Behandlungen verbringen wir viel Zeit mit Deutschunterricht und einer Grundorientierung: Wie funktioniert die Stadt? Wie verhalte ich mich? Was sind Grundregeln des Miteinanders in einer Gruppe? Im Schwimmbad? Bei Behörden? Doch unser Bemühen ist es auch, die jungen Flüchtlinge mit einem dichten Programm an Sport, Kultur und Gruppenunternehmungen in Bewegung zu halten.

In dieser Zeit sind viele Jugendliche erst einmal froh, irgendwo angekommen zu sein. Es ist extrem schwierig, ihnen verständlich zu machen, was sie in Deutschland erwartet. Auch unsere Dolmetscher bemühen sich sehr – doch da selbst ein Deutscher einige Zeit braucht, um die überaus komplizierten Verteilungsverfahren, Zuständigkeiten und Verfahrensschritte zu verstehen, kann man sich vorstellen, wie wenig ein junger Somalier, Afghane oder Syrer begreifen kann, warum jetzt was wann passiert. Was ist ein Vormund, ein Sozialarbeiter oder ein Betreuer? Wer kann was erlauben oder verbieten? Warum muss ich, nachdem ich eine monatelange Flucht bewältigt habe, um 22 Uhr im Haus sein? Und zu all diesen Ungewissheiten kommt Heimweh, Sorge um Angehörige und die Erinnerung an traumatische Erfahrungen bei ca. der Hälfte der Jugendlichen. Manche erlebten Krieg und Tod in der Heimat, anderen wurde auf der langen Fluchtroute Schlimmes angetan. Selten können sie ihre Geschichte schon erzählen, die Erzählungen bleiben meist bruchstückhaft und fügen sich in ihrer Erinnerung nicht glatt aneinander. Das macht ärgerlich, manchmal aggressiv. Angst haben alle, gut versteckt hinter männlich pubertärem Verhalten.

Während sie bei uns verschiedene Stadien durchlaufen, werden im Hintergrund Plätze in den Landkreisen aufgebaut und eingerichtet. Die Landkreise sind oft sehr gefordert, da ihnen die Infrastruktur fehlt, die Karlsruhe durch die lange Erfahrung im Flüchtlingsbereich aufbauen konnte. Mittlerweile hat Baden-Württemberg die “Quote” erfüllt. Jugendliche und Junge Erwachsene werden nun seit September 2016 vorwiegend in den Osten Deutschlands gebracht. In einigen Städten ist die Versorgung bereits sehr gut, woanders bauen sich die Strukturen sehr langsam auf.

Mittlerweile hat sich die Flüchtlingspolitik geändert. IMG_3731Die jungen Menschen aus Afghanistan sind sehr beunruhigt, da sie wissen, dass mittlerweile auch dorthin abgeschoben wird. Die meisten haben keinen Ort, an den sie zurückkehren können ohne ihr Leben zu riskieren. Sie sind nicht aus Abenteuerlust aufgebrochen. sondern weil ihre Familien sie in Sicherheit gebracht haben vor den Rekrutierungsversuchen der Taliban oder vor der unerträglichen Bedrohung durch Kriegshandlungen und willkürlichen Bombenanschlägen.

Aber wie unser Innenminister uns versichert, sind unsere jugendlichen Zivilisten in Afghanistan nicht Ziel, sondern nur Opfer von Anschlägen. Und es gibt auch ein paar sichere Ecken dort. Falls man dort Verwandte hat, steht der Sicherheit ja nichts mehr im Wege.

(mw)